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"Wir haben uns geirrt bei der Energiewende"

Patrick Graichen
Patrick Graichen ist nicht irgendwer - Er leitet den Thinktank Agora Energiewende, die einflussreichste Denkschule der Energiepolitik in Deutschland. Von 2001 bis 2012 hat er im Bundesumweltministerium gearbeitet – zunächst im Bereich der internationalen Klimapolitik, von 2004 bis 2006 als Persönlicher Referent des Staatssekretärs und ab 2007 als Referatsleiter für Energie- und Klimapolitik.

Graichen sagt heute "Wir haben uns geirrt bei der Energiewende. Nicht in ein paar Details, sondern in einem zentralen Punkt. Die vielen neuen Windräder und Solaranlagen, die Deutschland baut, leisten nicht das, was wir uns von ihnen versprochen haben.

Der Grundgedanke der Energiewende war doch: Wir steigen aus der Atomenergie aus und setzen dafür auf Sonne und Wind. Zu Zeiten, in denen das nicht funktioniert, springen emissionsarme Gaskraftwerke ein und irgendwann werden dann auch die überflüssig. Der Atomstrom verschwindet zuerst, dann der schmutzige Kohlestrom und die Luft wird wieder sauberer. Deutschland wird Vorbild und Vorreiter beim weltweiten Klimaschutz.

Fakt ist allerdings, dass die Luft nicht sauberer, sondern schmutziger wird. Deutschland wird seine selbst gesetzten Klimaziele nicht erreichen können. Die Energiewende - auch wenn es paradox klingt - fördert die dreckigen Kohlekraftwerke und vernichtet die sauberen Gaskraftwerke. Der Grund dafür ist einfach: Schmutzig schlägt Teuer. Der Strompreis wird an der Börse festgesetzt. Wenn dieser so niedrig ist, dass ein Kraftwerk seine eigenen Brennstoffkosten nicht mehr erwirtschaften kann, muss das Kraftwerk abgeschaltet werden. Nachdem die Stromproduktion aus Gaskraftwerken teurer ist, als aus Kohle- oder Atommailern, werden diese natürlich zuerst abgeschaltet. Sie lassen sich ja auch am einfachsten wieder anfahren. 

Für Wind und Sonne gelten aber andere Regeln. Brennstoff kostet nichts und es gibt die Abnahmeverpflichtung des EEG. Wenn also Wind und Sonne stark sind, dann steht zu viel Strom an der Börse zur Verfügung, der Preis sinkt und Kraftwerke müssen abgeschaltet werden - zuerst leider die Gaskraftwerke! Und die werden leider nicht nur gelegentlich abgeschaltet, sondern sogar still gelegt. Kohlestrom ist schmutzig aber billig - der bleibt.

An Tagen mit viel Wind und Sonne produzieren die Windturbinen und Solaranlagen so viel Strom, dass keiner mehr weiß, wohin damit. Ausländische Unternehmen werden dafür bezahlt, dass sie den Strom abnehmen (am 11. Mai 2014 z.B. 60 Euro je Megawattstunde). Was machen in dieser Zeit die Kohlekraftwerke? Sie produzieren heftig weiter. Es ist einfacher, zehn Stunden lang dafür zu bezahlen, dass jemand den Strom abnimmt, als ein Braunkohlekraftwerk herunter und wieder hoch zu fahren.

Wind/Sonne
Umweltschützer können noch so sehr über die Kraftwerksbetreiber schimpfen. Denen bleibt nichts anderes über, sind doch die Kraftwerke auf Dauerbetrieb ausgelegt. Sie sind einfach träge und vertragen es nicht, immer wieder an und abgeschaltet zu werden.

Patrick Graichen sagt: "Es gab eine kollektive Fehleinschätzung der Gutachterbranche, wonach die zusätzlichen erneuerbaren Energien alte Kohlekraftwerke und nicht neue Gaskraftwerke verdrängen würden". Graichen legt Wert auf die Feststellung, dass diese Entwicklung nicht vorhersehbar gewesen ist. Es ist der Zusammenbruch des Europäischen CO2-Handels, der Kohle im Vergleich zu Gas so billig gemacht hat, dass Gaskraftwerke unrentabel werden. Das wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Strom lässt sich kaum speichern und deshalb muss der überflüssige deutsche Strom irgendwo hin. Das Ausland nimmt uns den gerne ab, wenn wir sogar noch dafür bezahlen. Die Niederlande haben moderne gut regelbare Gaskraftwerke. Wenn Deutschland Strom zu viel hat, drosseln die deren Leistung und nehmen den deutschen Strom ab (teilweise noch subventioniert). Mittlerweile sind die Niederlande der größte Abnehmer für deutschen Ökostrom.

Die Energiewende wird nicht funktionieren! Aber rund um Wind und Photovoltaik ist eine Verflechtung zwischen Industrie und Politik entstanden, der mit dem Einfluss der Atomindustrie in den 60er und 70er Jahren durchaus vergleichbar ist. Alle Akteure haben ein Interesse: Die Probleme der Energiewende müssen als lösbar dargestellt werden, damit die Subventionen weiter fließen. Ökologie und Ökonomie sind nicht mehr zu unterscheiden - der Profit zählt!